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Aktuelles

Das Schlummer ABC:

Schlafschule statt Schäfchen zählen

04.06.2007

Schließen Sie die Augen, und machen Sie einen Kussmund. Halten Sie die Spannung. Jetzt wieder lockerlassen. Und entspannen!

Schließen Sie die Augen, und machen Sie einen Kussmund. Halten Sie die Spannung. Jetzt wieder lockerlassen. Und entspannen! Leise, aber bestimmt gibt Sportlehrerin Ingrid Weber ihre Anweisungen. An diesem Nachmittag steht die progressive Muskelentspannung nach Jacobson auf dem Stundenplan, bei der die Schlafschüler trainieren, Muskelgruppen gezielt anzuspannen und wieder zu entspannen.

Es ist angenehm warm im Übungsraum, dämmriges Licht dringt von draußen durch die großen Fenster. Im Hintergrund läuft sanfte Musik. Eine Stimmung zum Einschlafen, doch genau damit haben die 16 Frauen und Männer so ihre Schwierigkeiten. Im Kurhaus in Bad Mergentheim drücken sie deshalb wieder die Schulbank. Das Lernziel des Wochenendseminars, das viele Krankenkassen bezuschussen und das neben Vorträgen, Gruppen- und Einzelgesprächen auch Entspannungs- und Bewegungsübungen umfasst, heißt: Endlich wieder gut schlafen.

Gegen ihre Ein- und Durchschlafstörungen haben die Leidgeprüften nahezu alles schon ausprobiert. Der eine nimmt um drei Uhr ein kaltes Fußbad oder sieht fern, der andere versucht es mit heißer Milch. Manche verzichten seit Jahren auf Kaffee und Alkohol oder haben das Schlafzimmer auf Wasseradern untersuchen lassen.

Gundula Schäfer hört gerne das Requiem von Mozart, wenn sie um drei Uhr morgens beschließt, sich nicht länger im Bett zu wälzen. Vor zwölf Jahren fingen ihre Schlafprobleme an: Vom Schlafforscher Professor Jürgen Zulley, der das Seminar seit nunmehr fünf Jahren bundesweit anbietet, erhofft sich die 63-Jährige neue Denkanstöße: „Ich bin inzwischen derart erschöpft, dass meine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt ist. Wenn ich still sitzen muss, wie beim Geigespielen in den Proben unseres Kammerorchesters, muss ich aufpassen, dass ich nicht einschlafe.”

Lektion eins, die der Schlafmediziner seinen Schülern am ersten Morgen erteilt: Entspannung ist alles! „Dadurch wird Ihre Schlafstörung zwar nicht beseitigt, Sie können aber besser mit ihr umgehen.“ Zweite Lektion: Manchmal verhindern so banale Dinge wie fernsehen im Bett oder falsche Erwartungen an die Schlafmenge, dass wir morgens erholt aufwachen.

Zudem macht der Schlummerprofi von der Uni Regensburg klar: Je länger die Schlafstörung besteht und je gravierender sich die fehlende Nachtruhe am Tag auswirkt, desto eher ist eine Behandlung angezeigt. Stecken Depressionen, Herz-, Schilddrüsen- oder neurologische Probleme dahinte, ist in jedem Fall der Facharzt gefragt.

Schlaf ist wie Wachen, nur anders
Der Seminarraum ist hell und nüchtern. Es ist ein bisschen wie in der Schule – nur das Thema ist spannender als jede Lateinstunde: Bevor Zulley auf die individuellen Schwierigkeiten der Teilnehmer eingeht, klärt er erst einmal über den gesunden Schlaf auf und räumt dabei gleich mit ein paar Mythen auf. „Von Ruhe kann im Schlaf keine Rede sein. Oder wussten Sie, dass ein gesunder Schläfer 28- mal in der Nacht wach wird, ohne es zu merken?” Der Schlafexperte informiert auf sehr unterhaltsame und fesselnde Art: „Versuchen Sie bloß nicht, in der Nacht Probleme zu lösen. Das schaffen Sie sowieso nicht. Da ist unsere Stimmung am Tiefpunkt!”

Der Vortrag löst bei den Zuhörern unaufhörlich Aha-Effekte aus: Von wechselnden Traum- und Tiefschlafphasen ist die Rede, von Schlafhormonen, vom harmlosen Herzrasen und Muskelzucken bis hin zum sinkenden Schlafbedürfnis ab 50. „Schlafmenge hat nichts mit Schlafqualität zu tun“, weiß Zulley und auch, dass die Panik, nicht wieder einschlafen zu können, das Schlafproblem erst recht in Gang hält. Die innere Einstellung ist entscheidender als der Kaffee oder die Temperatur im Schlafzimmer.

„Raus aus der Stressfalle“, rät er dehalb. „Lernen Sie, sich zu entspannen, machen Sie öfter Pausen, und gehen Sie abends eine halbe Stunde spazieren. Das ist mein Zaubermittel“. Empfehlenswert, da nebenwirkungsfrei, sind aus der Sicht des Schlafmediziners zudem pflanzliche Einschlafhilfen wie Baldrian, auch kobiniert mit Hopfen, Melisse oder Passionsblume.

Gundula Schäfer fährt am Ende des Seminars mit vielen Anregungen nach Hause. Sie plant, einen Kurs zur progressiven Muskelentspannung zu belegen.“ Und meinen Hang zum Perfektionismus werde ich mir auch abgewöhnen müssen! Dann wird's Schlafen schon wieder klappen.“


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